FolkWorld #69 07/2019
© Walkin' T:-)M

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T:-)M's Nachtwache

Coming soon !!!

Dass die hygienischen Zustände im Mittelalter katastrophal gewesen sind, ist gemeingut. Dass die Menschen sich aber nicht gewaschen hätten, um Ansteckungen und Krankheiten zu vermeiden, ist nur eine der vielen Mythen über diese Epoche. Im Gegenteil kam es erst in der Neuzeit in Mode, Parfüm statt Wasser zu verwenden. Hier nun aber enden die Wasserspiele tatsächlich tödlich: im Badezuber auf dem Mittelalterspektakulum im Benediktinerkloster Wiblingen treibt kopfunter Nils Jadewald, Frontmann der Spielmannsband Cantus Ferrum. Der ehemalige Instrumentenbauer und Autor Helmut Gotschy [53] schickt den Ulmer Kriminalhauptkommissar Konrad Bitterle in seinem zweiten Fall mit einem Augenzwinkern auf Spurensuche in die Mittelalterszene.

Überall standen Grüppchen, es wurde getuschelt oder rumgetönt. Offenbar waren die wildesten Theorien im Umlauf. Sogar von zu Propagandazwecken inszeniertem Selbstmord war die Rede, ausgeführt, um Cantus Ferrum den ultimativen Gruselfaktor zu verpassen. "Damit stehlen sie Subway to Sally oder In Extremo die Show, hundertpro!" "Das war ein Drachenbiss! Cantus Ferrum hat die Büchse der Pandora geöffnet, und nun treiben die Geister ihr Unwesen. Das Weltenende ist nah!"

Bitterle träumt davon, am Abend bei dem einen oder anderen Hefeweizen und seiner Jazzplattensammlung gemächlich vor sich hin zu altern, stattdessen gibt es vorher aber noch Nelkenmet und Tollkirschlikör und das nervtötende Getröte ringsum:

Ein Trupp Gaukler mit Instrumenten stürmte den Innenhof. Sie boten eine ganze Palette an schrägen Tönen, wilder als jede indische Brassband. Dudelsackgetöse fegte über den Platz, Glockenspiel und Schellenkränze schepperten um die Wette, und zu allem Überfluss dröhnte eine taktlos große Marschtrommel, die sich ein Zwerg vor den Bauch geschnallt hatte.

Gotschy: Tod im Drachenzuber
Cantus Ferrum ist eine Musikgruppe mit langer und bewegter Vergangenheit:

Die gibt es schon wirklich lange. Angefangen haben sie wie die meisten Bands heutzutage mit Deutsch-Folk, zuerst war da hannes wader, dann haben Gruppen wie Ougenweide oder Lilienthal altes deutsches Liedgut entstaubt, entsprechend instrumentiert und teils auf Irisch oder Amerikanisch getrimmt. Das kam in den frühen Siebzigern gut an und hat regelrecht Weichen gestellt. Nach und nach wurden die Musiker besser, die Stücke wurden anspruchsvoller, vor allem aber politischer. Und auf dieser Schiene ist die Gruppe Jadewald viele Jahre gut gefahren. Nils' Name war sowohl Gruppenname als auch irgendwie Programm. ... Jadewald, das hat so etwas Mystisches, Feenzauber, Gnome. ...

In jüngster Zeit hatte sich das Quartett als eine Art Gothic-Folk-Rock mit mittelalterlichem Touch neu erfunden:

Das sollte Musik sein? Guido Wölfle war nicht wiederzuerkennen. ... Diese ruß- und ölverschmierte Figur hampelte mit nacktem Oberkörper und nur einem Lederlappen um die Lenden hinter einem Riesenamboss herum, der bei jedem Hammerschlag von innen glutrot aufleuchtete. Hinter Wölfle ragten unterschiedlich lange Metallrohre aus einem Gestell, die er ebenfalls anschlug und die dabei Funken sprühten wie Schweißelektroden, wenn sie in Kontakt mit Masse kamen. Immerhin war es rhythmisch halbwegs passabel, wenn auch brachial und eintönig, auf die Zwei und auf die Vier. Wölfle schien konzentriert und schaute hin und wieder zu Nils Jadewald rüber, der hinter einem blauen, futuristisch anmutenden Gerät stand, das eher an ein Raumschiff als an ein mittelalterliches Musikinstrument erinnerte. Jadewald drehte an einer Kurbel, drückte Tasten und trat gleichzeitig auf eine Legion am Boden platzierter Pedale, die den Sound veränderten und ein Höllenspektakel verursachten. Als er sich dem Mikrofon näherte, donnerte ein Scwall blutrünstiger Vokale aus den Lautsprecherboxen. ... Rechts neben Jadewald stand dessen Frau Gudrun. Sie spielte einen Dudelsack und drehte sich dabei wie ein Derwisch auf dem Höhepunkt seiner Ekstase. Ihr Rocksaum flog hoch wie ein Kettenkarussell. Die Vierte auf der Bühne musste Pauline sein. Sie saß auf einer Bockleiter und zupfte eien Schoßharfe, dabei wurde sie von unten angestrahlt und wirkte im Gegensatz zum Rest der Gruppe wie ein Engel, der eine fromme Botschaft verkünden will, aber von den anderen daran gehindert wird.

Tod im Drachenzuber ist ein Krimi, der den geneigten Leser vor allem des Settings wegen ansprechen wird; die Auflösung verpufft dagegen wie der Traum Cantus Ferrums vom Auftritt auf der Wackenbühne. Der Mittelaltermarkt findet tatsächlich alle zwei Jahre in Ulm statt (www.mittelalter-ulm.de); das im Roman beschriebene Musikduo Fairy Dream existiert tatsächlich: in realiter sind das Ida Elena da Razza und Albert 'der Spielmann' Dannenmann (www.albert-der-spielmann.de), letzterer war jahrelang Mitglied in Blackmore's Night.

Spielmann Albert (alias Barde Balthasar) rät hier einem interessierten Kriminalisten:

Bleib beim Dudelsack und lass die Finger von der Drehleier, es sei denn, du findest einen wirklich guten Instrumentenbauer. Ansonsten wirst du nicht glücklich damit. Diese Mistdinger machen meist nur Ärger, vor allem dann, wenn man sie braucht. – Was spielst du denn für eine? Kannst du mir vielleicht die Adresse von deinem Bauer geben? – Augenblick, ich seh mal nach. Womöglich habe ich noch ein Kärtchen von ihm im Etui.

Aber der Instrumentenbauer ist ja jetzt unter die schreibende Zunft gegangen ...

Helmut Gotschy, Tod im Drachenzuber. Emons Verlag, 2019, ISBN 978-3-7408-0510-4, 254 S, €10,90



Artist Video www.helmut-gotschy.de
www.albert-der-spielmann.de

Zu Lebzeiten rief die französische Schriftstellerin George Sand (eigentlich Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil, 1804-1876) ihrer feministischen und sozualistischen Ansichten wegen heftige Reaktionen bei ihren Zeitgenossen hervor. Die Stimme der Frau in einer Zeit, da die Frau schwieg (André Maurois) sei eine Latrine (Baudelaire) und Milchkuh (Nietzsche), wohingegen Balzac, Heine und Dostojewski zu ihren Bewunderern zählten.

Die Musikantenzunft
Sozialkritik findet sich auch mehr als genug in ihrem Roman Die Musikantenzunft (Les maîtres sonneurs, 1853), der 1856 von Claire von Glümer (1825-1906) ins Deutsche übertragen und nun von Dudelsackspieler Christoph Pelgen [40] [61] (Adaro, La Marmotte, Cassard) neu herausgegeben worden ist.

Die Schauplätze der Erzählung sind die zentralfranzösischen Landschaften Berry und Bourbonnais Ende des 18. Jahrhunderts, die Protagonisten die Bauern und Holzfäller und natürlich die Dudelsack- und Drehleierspieler. Auch für die Autorin muss dies schon ein Blick in eine vergangene Epoche gewesen sein:

Man glaubt nämlich dort noch allen Ernstes, was auch hier noch manchmal Glauben findet, nämlich daß man seine Seele dem Teufel verschreiben muß, wenn man Musiker werden will, und daß dann Satan eines Tages kommt, dem Musikanten die Sackpfeife aus den Händen reißt, sie auf seinem Rücken zerschlägt und ihn dann zwingt, sich selbst ein Leid anzuthun.

Der Titel des Romans stand Pate für die Rencontres internationales des luthiers et maîtres sonneurs, ein von 1976 bis 2013 ausgerichtetes Festival für traditionelle Musik und Instrumentenbau. Dieses fand in St. Chartier statt, nur ein paar Sackpfeifentöne entfernt von George Sands Domizil in der Gemeinde Nohant.

George Sand, Die Musikantenzunft. Verlag der Spielleute, 1853/2019, ISBN 978-3-943060-09-6, 344 S, €22,00



Artist Video Cassard @ FROG

www.duo-cassard.de


      Um das Feuer von Ol Persson
      tanzen wir den Sommertanz,
      und wir tanzen, Ol Persson fiedelt,
      bis die Asche grau verweht.

Der 1930 in Bremen geborene und heute in der Wedemark lebende Helmut König, genannt helm, betätigte sich ab 1947 in der bündischen Jugend. Im Voggenreiter Verlag betreute er die Liedersammlung Der Turm und gründete die Schallplattenfirma Thorofon, deren Veröffentlichungen zahlreiche Auszeichnungen wie den Preis der Deutschen Schallplattenkritik erhielt. König publizierte Liedersammlungen seiner Wandervogelkollegen tejo (Walter Scherf) und pitter (Peter Rohland) [55], schrieb und vertonte aber auch selbst zahlreiche Lieder.

helms lieder - Die Lieder von Helmut König
helms lieder ist nun die Ernte aus sechzig Jahren meines Umgangs mit bündischem Singen: 105 Lieder von "Abends treten Elche aus den Dünen" bis "Zwischen Don und Woronesh". Neben ein paar Vertonungen bündischer Autoren als auch Texten von Brecht, Heine, Graßhoff, Kästner und Busch handelt es sich vor allem (freie) Übertragungen aus so ziemlich allen europäischen Sprachen - Dänemark bis Russland, vom Baltikum bis zum italienischen Stiefel.

Einiges Liedgut ist durchaus nicht unbekannt: Die drei Zigeuner, die am Tor der Burg standen, sind die Raggle Taggle Gipsies der gleichnamigen Child-Ballade, [69] das "Girl in Scarlet town" nennt sich Barbara Allen. "Warst du jemals in Quebec?" ist ein populärer Shanty (Donkey Riding), "Steigt der Mond am Himmelsbogen" ein walisisches Wiegenlied (All Through the Night). "Behüt euch Gott, ihr lieben Leut" singt man zu Weihnachten in ganz England (God Rest Ye Merry Gentlemen), Dolly tanzt in der "Sandgate Street" in Berwick-upon-Tweed in der nord-englischen Grafschaft Northumberland (Dol-li-a). Auf der anderen Seite des Atlantiks rastet ein "armer Wandrer Gottes" (Wayfaring Stranger) in "einer kalten Nacht" (Long Black Veil). Das "Schneeweiß Vögelein" ist ursprünglich flämischer Herkunft, aber mittlerweile auch in allen deutschen Landen heimisch geworden; so wird sich eine Variante dieses Liedes auch auf dem kommenden Album der Deutsch-Folk-Gruppe Bube Dame König befinden.

Die vollständigen Texte sind im mehrstimmigen Notensatz dargestellt und mit Akkorden zur Begleitung ergänzt. Typisch für helms Lieder ist etwa dieser Skaldengesang eines isländischen Barden, ins Deutsche übertragen und als Kanon gesetzt:

      Trank und trank die ganze Nacht,
      trank durch jede Stunde.
      Nur noch leer Flaschen stehn
      vor mir in der Runde.
      Dumpfer Morgen kündet Tag,
      schwer sind meine Glieder,
      und ich sing mit trunknem Mund
      nachtverhangne Lieder.

helms lieder - Die Lieder von Helmut König. Spurbuchverlag, 2018, ISBN 978-3-88778-546-8, 205 S, €26,80



Artist Video Bube Dame König @ FROG

www.neue-volkslieder.de


Der Akustikgitarrist Konstantin Vassiliev wurde in Sibirien geboren und studierte in Novosibirsk und Münster/Westfalen. Er ist der Schöpfer von Gitarren-Arrangements von Stücken russischer, spanischer, französischer und italienischer Meisterkomponisten, denen er nun die Meister der irischen Musik folgen lässt. Unter den rund 25 Titeln finden sich lebhafte Tanzmelodien wie der "Swallowtail Jig" (siehe unten das Easy-Guitar-Tutorial-Video) und der bekannte "Drowsy Maggie Reel". Vassiliev hat aber auch eine Reihe quasi-klassischer Komponisten ausgegraben, die sich von der traditionellen Musik der Grünen Insel inspirieren lassen.

Vassiliev - Meister der irischen Musik
Das beginnt mit dem Altmeister der irisch-barocken Harfenmusik Turlough O'Carolan (1670-1738), dem Erfinder der Nocturne genannten Klavierstücke John Field (1782-1837), bis zum Opernsänger Michael William Balfe (1808-1870) und dem Komponisten Thomas O'Brien Butler (1861-1915), der im 1. Weltkrieg an Bord der von den Deutschen torpedierten Lusitania verstarb. Da finden sich Märsche ("Brian Boru's March"), Gesangsmelodien ("Star Of The County Down"), Klageweisen und Wiegenlieder, zuguterletzt der Song "Freedom On The Old Plantation" von Militärkapellmeister Patrick Sarsfield Gilmore (1829-1892), dessen Titel schon zeigt, dass er wie viele andere Iren in den 1840ern auch nach Amerika auswanderte. Gilmore sollte später die Friedensfeiern zum Ende des Sezessionskrieges organisieren und Gilmore’s Concert Garden in New York (heute: Madison Square Garden) begründen.

Die Arrangements (Noten und Tabulaturen plus Begleit-CD) sind für fortgeschrittene Anfänger gedacht. Die Anmerkungen sind in deutscher als auch englischer Sprache.

Konstantin Vassiliev, Meister der irischen Musik für Gitarre - Bekannte und neu entdeckte Stücke, leicht arrangiert. FingerPrint/Acoustic Music FP 8186, 2019, ISBN 978-3-945190-32-6, 68 S, €19,80 (Buch + CD)


Konstantin Vassiliev

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www.konstantin-vassiliev.de



Michael Kleff & Hans-Eckardt Wenzel (Hg.), Kein Land in Sicht. Ch. Links Verlag, 2019, ISBN 978-3-96289-038-4, 336 S, €20.00

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Wenzel

Artist Video Wenzel
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www.wenzel-im-netz.de



Photo Credits: (1ff) Book Covers, () Mittelalterspektakel zu Ulm, () Fairy Dream, () Helmut Gotschy, () Duo Cassard, () Konstantin Vassiliev, () Bube Dame König (from website/author/publishers); () www.wenzel-im-netz.de (by Walkin' Tom).


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