FolkWorld Ausgabe 42 07/2010
FolkWorld CD Kritiken
The Running Kind "The Girl for all the World"
Label:
Bossonova Music Records 2010
Das Gesangsduo Leslie Ann und Matt Bosson (auch Akustikgitarre und Posaune) aus Los Angeles sind der Mittelpunkt der Alt-Country Formation The Running Kind. Gemeinsam mit George Alexander (E-Gitarren, Gesang), Mitsuru "Neil" Fukusawa (Drums, Perkussion, Mandoline, Gesang), Frank San Filippo (Bass, Mandoline, Gesang) und Kevin Smith (Piano, E-Piano) haben sie ihr zweites Album "The Girl for all the World" aufgenommen.
Die CD beginnt mit einer Cover Version der traurigen Ballade "Life to go" von George Jones aus dem Jahr 1960, bei dem Leslie mit ihrer schönen Altstimme den Lead übernimmt. Das ist auch bezeichnend für die gecoverten und originalen Songs, die uns mit ihrem nostalgischen Sound in die 70er Jahre entführen. Wie der rhythmisch melodiöse Titelsong von Matt, bei dem die beiden mit tollem zweistimmigen Gesang überzeugen. Sechs der sieben Originalsongs stammen von Matt, nur den rhythmische Country "Two Roads" haben Matt und Leslie gemeinsam komponiert, die Hauptstimme singt hier aber Matt. Darlin' Jim D'Damery gastiert beim rasanten "Don't that make no Sense" am Dobro und John Groover McDuffie spielt bei einem Großteil der Titel die Pedal Steel. Für meinen Geschmack sind die meisten Lieder etwas zu sanft, daher ist mein Favorit auch der mitreißende Country Rock "Old Girl", bei dem die sechs ihre Qualitäten als Rockband zeigen. Mit Gram Parsons' Country Klassiker "Return of the grievous Angel" und Neil Youngs rockigem Americana "Don't cry no Tears" endet das Album mit zwei Songs aus den 70ern.
The Running Kind bestechen mit wunderschönen Gesangsstimmen und gutem alten Country; für Freunde des Genres ein Leckerbissen.
www.therunningkind.net
Adolf 'gorhand' Goriup
Totus Gaudeo "Aus der Bredouille"
Label:
Eigenverlag 2009
Ich erfreue mich an allem (totus gaudeo) ertönt es aus Dachau. Emmi „die Zigeunerin“ Klar (Stimme, Davul, Perkussion), Katrin „Ekatarina“ Wernthaler (Geige, Drehleier, Bratsche), Andreas „Werni“ Wernthaler (Stimme, Schalmei, Flöten, Rauschpfeife, Gitarre), Florian „Majestro Totus Floreo“ Ganslmeier (Dudelsack, Mauixaphon, Tin Whistle, Davul, Galgen, Darabuka) und Peter „Don Pedro“ Bergmann (Stimme, Gitarre, Irish Bouzouki, Djembe, Laute) haben ihr zweites Album „Aus der Bredouille“ mit drei traditionellen und sieben selbst komponierten Liedern und Instrumentalstücken veröffentlicht.
Akustischen Mittelalterrock schufen Majestro Totus Floreo und Werni mit dem instrumentalen "Sardo", großartig vorgetragen von allen Musikern. Die englische Folk Musikerin Jo Freya gab ein musikalisches Thema frei, das Don Pedro zu einem wunderbar rhythmischen Tanz verarbeitet hat. Ebenso mitreißend spielen die fünf Spielleute den traditionellen bretonischen "Ritter d'And(r)o". Von den Liedern gefällt mir das etwas unverständliche "Brodandn Brandle" (irgendwas von gebratenem Huhn..) am besten. Text und Musik, beide traditionell, werden als ein weiterer atemberaubender Tanz mit ausgezeichneten mehrstimmigen Gesängen interpretiert. Weitere Höhepunkte sind zwei von Don Pedros Liedern, einerseits das mit frivolem Sprechgesang und tollen orientalischen Rhythmen hervorstechende "Süße Früchte" und andererseits die gefühlvolle Ballade "Der Reiter".
Totus Gaudeo ist für mich eine der besten akustischen Mittelalter Rockbands. Brillante Musiker und hervorragende Sänger scheuen sich nicht davor neben traditionellen Themen auch eigene begeisternde Stücke zu schreiben. Ein Besuch auf www.totus-gaudeo.de lohnt sich auch akustisch.
www.totus-gaudeo.de
Adolf 'gorhand' Goriup
Jan Graf "Mit den Regen"
Label:
Plaggenhauer; 2010
Der aus Buxtehude stammende Liedermacher Jan Graf hat für sein drittes Album "Mit den Regen" zehn Eigenkompositionen und ein Lied von Helmut Debus aufgenommen. Graf singt und spielt Gitarre und Harmonika und wird von Christoph Scheffler (Gitarre, Bandoneon, Mandoline), Henning Buhr (E-Gitarre) und einem vierköpfigen Brass Ensemble unter der Leitung von Björn Torp begleitet.
Graf beginnt mit dem Titelsong, der mit gefühlvollem Gitarrenspiel beeindruckt; dramatischer Sprechgesang wechselt ab mit einfühlsamen Gesang und die E-Gitarre umschmeichelt das Ganze mit schönen Harmonien. Es ist auch mein Lieblingslied. Beim "Seemannslied" begleiten Akustikgitarre und Bandoneon den melancholischen Gesang und Debus singt gemeinsam mit Graf das stille "In't wille Gras". Das Zusammenspiel von Mandoline und Gitarre verzaubert "De ole Küsel", eine eindringlich gesungene Ballade, und beim "Blues för en Katt" besticht Graf mit tollem Gitarrenspiel. Mit "Afscheed an de Elv", einer weiteren schönen Ballade, endet dieses zumeist stille Album jedoch mit schallenden Blechbläsern.
Mir hat das in Plattdeutsch gesungene Album gut gefallen, obwohl mir die rhythmischen Stücke etwas fehlen. Dennoch, Graf ist ein hervorragender Gitarrist und hat eine schöne Stimme.
www.jangraf.net
Adolf 'gorhand' Goriup
Schelmish "Persona non grata"
Label:
Napalm Records; 2010
Seit 2004 haben die Schelme aus Bonn kein Mittelalter-Rock Album mehr produziert. Mit "persona non grata" haben sie nun ein hörenswertes Konzeptalbum geschaffen. DesDemonia (Sackpfeifen, Schalmei, Bouzouki, Gesang), Dextro (Sackpfeifen, Schalmei, Bouzouki, Flöten, Drehleier, Bombarde, E-Gitarre, Gesang), Lucie das L. (Sackpfeifen, Schalmei, Bouzouki), Picus (Davul, Perkussion, Samples, Synthesizer) und Okusa der Bullige (E-Gitarre, Schlagwerk, Gesang) wurden bei den Aufnahmen von B. Deutung (Cello), Amsel v. Nydeggen (Flöte, Gesang) und Maite Itoiz (Gesang) unterstützt.
Das beigelegte schön illustrierte Booklet erzählt die Geschichte vom korrupten Mönch Eberhard, der im 12. Jahrhundert gelebt hat. Er hatte in der Walpurgisnacht eine Erscheinung, die ihn zur Busse auf eine tausendjährige Reise als Spielmann schickte. Auf dieser Reise traf er immer wieder auf Menschen, die von der Gesellschaft und vor allem von der Kirche geächtet wurden, personae non gratae. Das Ganze haben die Schelme musikalisch intoniert, arrangiert und teilweise mit traditionellen deutschen oder lateinischen Texten versehen. Herausgekommen ist ein faszinierendes Mittelalter Album, das auf eine schelmische Weise dennoch rockt. Mitreißende Rhythmen, hypnotische Melodien, dramatische Arrangements und die großartigen Gesänge zeichnen das Album ebenso aus wie das episch hervorragend gelungene Konzept.
Das neue Album von Schelmish ist wie gewohnt musikalisch ausgezeichnet interpretiert und brilliert mit abwechslungsreichen und tollem Sound. Die Schelme widmen ihr Werk den Menschen, die auf Grund ihrer Andersartigkeit zu einer persona non grata wurden.
www.schelmish.de
Adolf 'gorhand' Goriup
William Wetsox "30 Jahre ... vaganga, aber ned vergess'n"
Label:
R'n'D; 2010
Die bayrische Blues Formation William Wetsox blickt zurück auf 30 Jahre Bühnenpräsenz, vier LPs und fünf CDs und zu diesem Anlass hat die Band um Williams Fändrich (Gesang, Gitarre, diatonisches Akkordeon) eine Doppel CD mit 29 ausgewählten Titeln, aus dem Studio, aber auch Live Aufnahmen, herausgegeben. Heute gehören Groover Krüger (Gesang, Gitarre), Marcel Pölitz (Bass), Thomas Gugger (Schlagzeug) und Bluesharp Slim (Harmonika) dazu. Auf diesem Sampler hören wir jedoch auch ehemalige Mitglieder an Keyboards, Kontrabass, Saxophon, Drums und Bluesharp.
Von den fünf bisher unveröffentlichten Stücken gefällt mir Krügers Slow Blues "An's Meer" am besten. Krügers weiche angenehme Stimme und das Zusammenspiel der zwei Gitarren machen diesen Song zu einem meiner Favoriten. Dazu kommen noch drei aktuelle Live Aufnahmen von Fändrich wie zum Beispiel der Bluesrock "Mond", der mit rhythmischem Groove hervorsticht. Alle anderen Aufnahmen stammen noch aus den Jahren vor der Jahrtausendwende. Der ehemalige Keyboarder Ludwig Seuss schrieb den jazzigen Boogie Woogie "Ganz Cool" und Fändrich das coole "Bluesig's Oberland". Die beiden Instrumentalstücke wurden 1994 im Nachtcafé in München Live mitgeschnitten und gemeinsam mit drei weiteren Mitschnitten aus München bestechen sie mit musikalischen Topleistungen. Die Live Aufnahme von "Hey Schaffner" aus dem Jahr 1986 ist das älteste Stück auf dem Album, gefolgt vom bluesigen Reggae ""Mensch sei g'scheid" aus dem Jahr 1990. Die meisten Stücke stammen von Fändrich und er singt dazu auch die Hauptstimme, außer bei "Frühling im Westend", einem Live Mitschnitt von 1997 mit Bluesharp Slim als Leadsänger.
Die beiden CDs haben eine Gesamtspieldauer von weit mehr als zwei Stunden und bieten einen guten Überblick über das abwechslungsreiche Schaffen dieser boarischen Blues Combo. Musikalisch gefallen mir die Stücke gut, allerdings habe ich als Liebhaber schöner Gesangsstimmen mit Fändrichs grölender Reibeisenstimme meine Mühe.
www.wetsox.de
Adolf 'gorhand' Goriup
Mohammad Reza Mortazavi "Green Hands"
Label:
flowfish records; 2010
Mohammad Reza Mortazavi wurde 1979 zur Zeit der iranischen Revolution geboren und widmet sein neues Album "Green Hands" den aktuellen gesellschaftspolitischen Veränderungen in seiner Heimat. Mortazavi hat mit sechs Jahren begonnen Tombak zu spielen. vier Jahre später gehörte er schon zu den besten Spielern seines Landes. Mit 22 Jahren reiste er das erste Mal nach Deutschland und feierte auch hier in Europa große Erfolge. Heute lebt er in Berlin und zählt zu den weltbesten Handtrommelspielern.
Das Album wurde in Berlin Live aufgenommen und ausschließlich von Mortazavi auf der kelchförmigen Tombak und der Daf, einer großen Rahmentrommel, eingespielt. Wenn man dem rasenden Fingerspiel zuhört versteht man sofort warum er ein so angesehener Trommler ist. Mit innovativen Techniken und viel Gespür für Rhythmus, Harmonie und Dramatik erzeugt er atemberaubende Klangbilder und beinahe epische Stücke, die auch dementsprechende Titel tragen. Da geht es um Befreiung (liberation), Vorbereitungen zum Kampf (preparing for fights) oder auch um einen "Derwish in a Club".
Auf den 14 Stücken spielt Mortazavi abwechslungsreiche und mitreißende Rhythmen und nützt das Potential der beiden Trommeln optimal aus. Dabei geht er weit über die Grenzen der traditionellen Spielweise hinaus. Ein Muss für Liebhaber von Perkussionsmusik.
www.moremo.de
Adolf 'gorhand' Goriup
Adas "Echo"
Label:
Zerberus Music; 2010
Die fünfköpfige Frauenband Adas hat ihr zweites Studioalbum mit 13 der für sie typischen Kompositionen, die antike und traditionelle Texte mit wunderschönen Gesängen und außergewöhnlichen Rhythmen und Harmonien verbinden, veröffentlicht. Angelika (Gesang, irische Harfe, Bodhràn, Laute) und Stefanía Voigt (Gesang, Bouzouki, Laute, Whistles), Delia Hurka (Gitarre, Waldzither, Gesang, E-Bass), Andrea Scharf (Querflöte, Cajon, Darabuka, Davul, Chimes) und Martina Geelhaar (Geige, Bratsche) wurden bei den Aufnahmen von Produzent Hubsi Widmann (Harmonium, E- und Kontrabass) sowie Le Treu am Schlagzeug unterstützt.
Angelika ließ sich von Ovids Metamorphosen zum traurigen Titelsong inspirieren, der von der redegewandten Nymphe Echo erzählt die aus unerwiderte Liebe verging und heute nur mehr als das bekannte Schallphänomen die Menschheit in Staunen versetzt. Die betörenden Gesänge werden von Harfe und Querflöte umschmeichelt und entführen uns in eine zauberhafte Welt der Phantasie. Die attraktiven Damen erzählen antike Legenden, singen von Liebe und der Weiblichkeit und vertonen diese Themen mit atemberaubend schöner Musik. Wir treffen auf den Mond, der in den meisten Kulturen Sinnbild des Weiblichen ist - im Altgriechischen wie auch im Spanischen - und auf die Sonne, die das männliche Gegenstück darstellt, deren gemeinsame Liebe aber niemals erfüllt werden kann (Deray). Neben dem Spanischen und Altgriechischen hören wir Texte in Friesisch (Ströntistel), Mittelhochdeutsch und Altfranzösisch (Syrênen Sange), Altbabylonisch, Bretonisch, Italienisch, Englisch (Blackbird) und natürlich Deutsch (Uns folgt der Wind).
Die Musik reicht vom lyrisch romantischem Titelsong über rhythmisch hypnotische Klänge wie bei "Eis Selenen" und traditionellen Tanzmelodien aus Friesland, Galizien (Cantigueiras), der Bretagne (An Ter Vari) oder den britischen Inseln (Frolic) bis hin zu orientalisch anmutenden Liedern (Enuma Elish) oder der punkigen Hymne an die irische Piratenkönigin "Gráinne Ní Mháille" (Grace O'Malley). Die CD endet mit einem romantischen Liebeslied des italienischen Renaissance Dichters Bartolomeo Tromboncino, "Non Val Aqua", begleitet nur vom zarten Klang der Laute.
Die fünf klassisch ausgebildeten Musikerinnen nennen ihre Musik selbst Elvenfolk. Mich hat das Album vor allem mit seinen abwechslungsreichen und dennoch perfekt durch konzeptionierten Songs begeistert. Gesang, Musik, Texte, aber auch Konzept und Covergestaltung sind perfekt, ein Album der Spitzenklasse.
www.adas-music.de
Adolf 'gorhand' Goriup
Blues Lick "Sekt und wuide Weiber"
Label:
MundArt Ageh; 2010
Die aus Ingolstadt stammende Band Blues Lick um den Singer/Songwriter und Blues Gitarristen Helmut "Lick" Licklederer hat die zehn Songs ihres Albums "Sekt und wuide Weiber" remastered und bringt sie jetzt neu auf den Markt. Matthias Inderst an der Sologitarre, Klaus Jirges am Bass und Herbert Schlecht am Schlagzeug begleiten Lick bei seinen selbst komponierten Songs, die den Südstaaten Blues nach Bayern bringen.
Inderst beginnt mit fetziger Rockgitarre bei "Da Grichtsvoizieha", einem satirischen Blues Rock, der unter die Haut geht. "Da Blues Paule" kommt mit coolem Groove daher und beweist, dass es auch im wohlhabenden Freistaat Bayern Grund genug gibt den Blues zu singen. Tolle Gitarrensoli, treibender Bass und mitreißender Rhythmus begleiten die Texte, die vom Leben aus der Sicht eines Blues Cracks erzählen, egal ob er im Knast sitzt, sich tagein tagaus mit Teppen abgeben muss (Langsam werd's ma z bläd) oder an das Steuer eines Reisebusses gefesselt ist (Da Louisiana Schorsch); dabei ist Licks urbayrischer Gesang ebenso überzeugend wie die musikalische Begleitung. Er will nicht mehr den Tranteppen für "Henriette" spielen, "Jedn Dog in d'Arbat" gehen oder abstinent leben (Bayern Rock), sondern eine Party mit "Sekt und wuide Weiber" schmeißen.
Mir gefallen die Songs von Lick, die aus dem Leben gegriffen sind und genau dort herkommen, wo der Blues entstanden ist, nämlich aus dem Swamp, nur in diesem Fall aus dem Bayrischen ...
www.blues-lick.de
Adolf 'gorhand' Goriup
Caedmon's Fayre "Return"
Label:
Rebeat; 2009
Die in Wien basierte Band Caedmon's Fayre spielt seit 1999 in einer mit E-Bass und Schlagzeug erweiterten Besetzung keltischen Folkrock, der sowohl Folk Liebhaber wie auch Rockfans anzieht. Peter Chlup (Gitarren, Gesang), Jayce O'Connor (Gesang), Konny Graef (Whistles, Flutes, Gesang), Flo Wilscher (Fiddle, Bratsche), Johannes Tilscher (Bass, Gitarren, Gesang, Programming) und Mick G. (Drums) haben für ihr neues Album "Return" zehn Songs und vier instrumentale Sets aufgenommen.
Chlup schrieb eine lyrische Einleitung, "Caedmon's Return", die er Pete Seeger widmet und das Wiederaufleben der Poesie verspricht; diese werde der dunklen Zeit ein Ende bereiten. Es folgen mitreißende Tunes, die klassische Elemente und rockige Rhythmen mit traditionellen Melodien verbinden, rhythmische Songs und romantische Balladen mit tollen teilweise mehrstimmigen Gesängen und perfekt arrangierter musikalischer Begleitung. Chlup, der die meisten Texte schreibt, hat bei "The Lily of the East" die bekannte traditionelle Melodie mit der traurigen Geschichte eines Mädchens aus Leningrad versehen und singt diese mit seiner warmen gefühlvollen Stimme. Sanftes Geigenspiel, Gitarre und Gast Akkordeonist Martin Burton begleiten O'Connors wunderschönen Soprangesang bei der stillen Ballade "Like a Dove" während das instrumentale "Changing the Tides/Fiddles on the Shore" mit fetzigen Gitarrenriffs, Programming und groovendem E-Bass von Tilscher, rockigem Schlagzeug sowie virtuosem Fiddlespiel brilliert. "How do you sleep?" fragt Chlup und engagiert sich für all die Underdogs der heutigen Gesellschaft in diesem leidenschaftlichen Song und "We rock the Land" ist ein perfekter Showcase für die großartigen Musiker und Sänger. Mein absoluter Favorit ist das Up-Beat Set "Killavil Jig/Toss the Feathers", zu dem O'Connor einen kurzen Text schrieb und das sie mit ihrem außerordentlichen Gesang verzaubert.
Ich bin vom innovativen Sound und den kreativen Interpretationen der Band begeistert; hier trifft keltischer Folk auf moderne rockige Rhythmen und teilweise klassisch anmutende Arrangements. Ein gelungenes Werk dieser Irisch-Österreichischen Formation, hört doch mal rein!
www.caedmonsfayre.com
Adolf 'gorhand' Goriup
Nobody Knows "We Folk YOU"
Label:
Sena Verlag 2009
Die aus Sachsen-Anhalt stammende fünfköpfige Band Nobody Knows weitet ihre Fangemeinde auf die ganze Bundesrepublik aus und verspricht "we folk YOU". Max Heckel (Gitarre, Gesang, Geige, Mandoline), Maxx Heinrichs (Klavier, Keyboards, Bass, Gesang), Dietrich Eichenberger (Posaune, Cello, Gesang), Georg Marth (Geige, Gesang) und Jule Seyer (Schlagzeug, Cajon, Gesang) haben für ihr neues Album traditionelle deutsche, italienische und irische Lieder, Eigenkompositionen aber auch klassische und mittelalterliche Themen aufgenommen.
So startet die musikalische Reise in Irland mit einer rasant gespielten Fassung von "Star of the County Down". Der flotte Marschrhythmus wird vom russischen Tanzrhythmus des deutsch gesungenen traditionellen "Katjuschka" abgelöst. Die Chanson artige Vertonung eines Gedichts von François Villon (15. Jhdt.), "François", besticht mit tollem Gesang in der Originalsprache und leidenschaftlicher musikalischer Begleitung, eines meiner Lieblingsstücke. Es folgen deutsch gesungene Volkslieder wie die traurige Geschichte von "McPherson" oder das italienische Partisanenlied "Bella Ciao". Weitere Höhepunkte sind das mitreißende traditionelle Fiddlestück "Zeh", bei dem Folk, Pop und Rock ein Stelldichein haben und die Fiddle vom Bass und Schlagzeug angetrieben mit virtuosem Spiel ertönt, und das Irische "Galway Piper", bei dem die Cobblestones ihren stimmgewaltigen Chor und ihr tolles Spiel beisteuern. Beim "Outro" verabschieden sich die Jungfolker mit der gekonnten Interpretation auf Klavier und Geige einer Brahms Melodie; halt da kommt ja noch eine deutsche Nachdichtung eines Villon Gedichts von Paul Zech, "Dein rotes Haar", vorgetragen als poppiger Schlager.
Ein abwechslungsreiches Album, das sowohl kommerzielle Lieder wie auch tolle Folkmusik bietet, musikalisch und gesanglich hervorragend interpretiert. Hört doch mal rein und lasst euch folken ...
www.nobody-knows-stendal.de
Adolf 'gorhand' Goriup
Doppelbock "Voodoo Jodel"
Label:
Narrenschiff; 2009
Zehn Jahre Doppelbock bedeutet zehn Jahre bahnbrechende Schweizer Volksmusik, weg vom Unterhaltungsländler für Kurhäuser und Pisten Partys und ausbrechen aus den Zwängen des konservativen Jodler Verbandes. Projektleiter Dide Marfurt (Busuki, Tamburiza, Drehleier, Sackpfeifen, Bodhràn, E-Gitarre, Maultrommel) hat die zwei brillanten Vokalartistinnen Christine Lauterburg und Barbara Berger eingeladen gemeinsam mit Doppelbock den Naturjutz mit seinem magisch, zauberhaft und beschwörenden Klang in das 21. Jahrhundert zu bringen. Neben Jean-Pierre Dix (E- und Kontrabass), Markus Maggiori (Drums, Maultrommel, Französische Cornemuse, Schalmei und Perkussion aus aller Welt) und Simon Dettwiler (Schwyzerörgeli) wirken Jürg Steigmeier am Büchel, einem Posaunen förmigen Alphorn, und Thomas Keller am Häxeschyt, einem urchigen Schweizer Saiteninstrument, als Gastmusiker mit.
Der stille Jodel "Magali" steigert sich zu einem rhythmischen Feuerwerk, angetrieben von Bass und Perkussion und virtuosem Spiel auf Schwyzerörgeli, Schalmei und Sackpfeife; bei diesem großartigen Stück treffen sich heimische Klänge mit Jazz, Rock und Pop. Ähnliches hat Dix aus der volkstümlichen dramatischen Geschichte der Maria, "Schlangechöchin", gemacht: Treibender Bass begleitet den wunderschönen Zwiegesang, bei dem Berger verzweifelt der besorgten Mutter (Lauterburg) antwortet; später gesellen sich Schwyzerörgeli, Perkussion, Maultrommel (Trümpi) und Busuki dazu und erzeugen einen mitreißenden Groove, mein absoluter Favorit. Aber man hört durchaus auch traditionell gespielt und gesungenen Jodel wie den "Adelbodner" oder den ständig vom Walzer- auf Polka Rhythmus wechselnden "Hoaschl, Zwiefacher". Tradition hin oder her, immer spielen Einflüsse aus keltischer Musik, der fremdartige Klang exotischer Perkussionsinstrumente oder avantgardistisch experimentale Vokalartistik mit. Dann verwandelt Berger das traditionelle Lied "Am Summer" in ein cool jazziges Stück mit atemberaubenden Gesängen und Jodel und "Jodlers Freud" von J. Ummel wird als lüpfige Reggae-Jodel-Polka interpretiert. Marfurt besticht beim "Appenzeller" mit virtuosem Spiel auf dem Hümmelchen (Sackpfeife), die Stimmen von Berger und Lauterburg ergänzen sich beim "Liberger" Jodel perfekt und der "Emmentaler Chuereihe" ladet mit jazzig volkstümlichem Rhythmus zum Reihentanz.
Mit ihrem neuen Album haben Doppelbock die Schweizer Volksmusik endgültig aus dem Dornröschenschlaf geholt und wieder einmal revolutioniert. Da fallen mir nur Vergleiche mit internationalen Topacts wie Capercaillie, Grada oder Deniz Prigent ein, ein Muss für Liebhaber moderner "Folksmusik".
www.doppelbock.ch
Adolf 'gorhand' Goriup
Lawaschkiri "Lume"
Label:
Eigenverlag; 2009
Das Regensburger Folk Ensemble Lawaschkiri spielt in fünf- bis siebenköpfiger Besetzung. Bernadette Halas (Geige, Gesang), Sonja Sanktjohanser (Flöte, Gesang), Frieda Fischer (Kontrabass, Gesang), Reimund Bauer (Gitarre, Gesang) und Florian Peters (Akkordeon, Gitarre, Gesang) gehören zur Grundformation. Manuel Haas am Sopransaxophon und Sebastian Voigts an Melodica und Claviola ergänzen das Line-up als Gastmusiker Live wie auch im Studio.
Für ihr neues Album "lume" haben die sieben Wahl Regensburger elf traditionelle Stücke aus ganz Europa und vier Eigenkompositionen aufgenommen. Vom rhythmisch estnischen Hochzeitstanz "pulma laul" über das traditionelle Sinti Lied "fulli tschai" und den "new irish tunes" bis zum jiddischen Liebeslied "main glick" bestechen die traditionellen Lieder und Instrumentalstücke mit flotten Rhythmen, tollen Gesängen und erstklassiger musikalischer Begleitung. Peters schrieb das romantische "d'elle", bei dem Kontrabass, Gitarre und Geige seinen Gesang begleiten. Weiter geht die musikalische Reise durch Europas Folklore nach Polen mit dem märchenhaften "z popielnika", in die Ukraine mit dem flotten "oyoyoy" und nach Frankreich mit der traurigen Fischer Ballade "la pêcheur au hareng". Dann folgt ein Instrumentalstück von Bauer, "badabacha swing", bei dem sich Flöte, Akkordeon, Geige, Gitarre und Claviola zum coolen Swing Rhythmus mit großartigen Soli ablösen. Der jiddische Schlager "bay mir bistu sheyn" von Sholom Secunda, das melancholische rumänische Titellied, das mit dem türkischen Tanz "kasap oyun havast" in einem Set interpretiert wird, der bulgarische Tanz "gankino horo" und die lüpfige Vertonung im Dreivierteltakt eines mittelhochdeutschen Textes von Fischer, "bluomenlisen", vervollständigen das Programm.
Lawaschkiri machen abwechslungsreiche traditionelle Musik, die nicht nur musikalisch und gesanglich hervorragend eingespielt wurde, sondern auch authentisch klingt. Die Auswahl der Lieder und Stücke ist hochinteressant und bietet dem Zuhörer vor allem interessante Tänze aus dem Osten Europas, Chanson artige Lieder aus Frankreich aber auch schöne Eigenkompositionen.
www.lawaschkiri.org
Adolf 'gorhand' Goriup
Liz Madden "My Irish Home"
Label:
San Juan Music; 2010
Die in Arkansas lebende Sängerin Liz Madden hat eine klassische Gesangsausbildung absolviert und das hört man auch auf ihrem neuen Album "My Irish Home". Mit ihrer wunderschönen Gesangsstimme singt sie Folksongs und Eigenkompositionen.
Folkklassiker wie "Galway Shawl", "Danny Boy" oder "Greensleeves" werden abgeschliffen, poliert und mit Glanzlack überzogen; Die Begleitung ist perfekt arrangiert und gespielt, aber unauffällig. Beim Zuhören hab ich das Gefühl, hier geht es darum eine großartige Sängerin für den Broadway herauszuputzen, nicht mein Fall. Dann singt Madden ihre Eigenkomposition "Le Marais" und besticht mit jazzigem Flair, das gefällt mir schon besser. Mein Lieblingssong ist das klassisch arrangierte Loblied an Maria Magdalena, "Gaudiete", bei dem Madden ihre ganze Gesangskunst ausspielt. Dann folgen Americana Gassenhauer wie "This Land is your Land", "Banks of Ohio" oder der von Bob Dylan um getextete Gospel "No more auction block" (Blowing in the Wind). Auch diese Songs kommen im kleinen Schwarzen daher und werden von keinem Staubkrümel beschmutzt. Hier trinkt man Champagner und teuren Cognac und nicht Whisky und Bier.
Das neue Album von Liz Madden bietet erstklassige Gesangskunst, vorgetragen mit musikalischer Begleitung, die an ein Musical erinnert. Hier wird Folkmusik salonfähig vorgetragen, ohne die raue Schale, die sie sich in Jahrhunderten angeeignet hat. Für mich riecht das zu sehr nach Kommerz, dennoch Hut ab vor dieser Stimme.
www.lizmaddenonline.com
Adolf 'gorhand' Goriup
Various Artists "Tribut an Ougenweide"
Label:
Emmuty records;
TOT 23091; 2010
Various Artists "Merseburger Zaubersprüche"
Label:
Minnesang/Emmuty records;
MB1001; 2010
Dr. Lothar Jahn ist Kulturmanager und Musikjournalist und hatte die Idee zum 40-jährigem Gründungsjubiläum von Ougenweide (de.wikipedia.org/wiki/Ougenweide) eine Reihe von Größen aus der Mittelalter-Szene zusammenzuspannen und die Musik von Ougenweide durch das Medium aktueller Künstler neu auferstehen zu lassen. Herausgekommen sind dabei ein Live-Event auf Burg Falkenstein im Harz und zwei außergewöhnliche CDs, die beweisen, dass Deutschlands Szene internationale Vergleiche nicht zu scheuen braucht.
Der Tribut beginnt mit dem Set "Merseburger/Ougenweide", vorgetragen von Ursel Peters (Gesang, Gitarre) und Hans Hegner (Gesang, Bodhràn) als Duo Fundevogel. Die Spielleut Irregang spielen Olaf Casalichs satirischen Gassenhauer "Im Badehaus" mit authentischen Instrumenten, das Frauenensemble Die Irrlichter bezaubert mit der Ballade "Wan si dans" und Holger Schäfer singt Christian Fürchtegott Gellerts Posse "Der Blinde und der Lahme" als jazzigen Mittelalter Rock. Lateinische Texte wie "Totus Floreo" von Minnesangs Frühling oder "Terra sinus aperit" von Kleine Sekunde wurden eher authentisch mit alten Instrumenten aufgenommen, während Van Langen , Bernd Intveen und Kaspar bei "Der Rivale" das Mittelalter mit E-Gitarren, E-Bass, Synthesizer, Schlagzeug, aber auch Schalmei rocken lassen. Die Legende "Der Fuchs und der Rabe" wird von Skandor mit Gitarre, Akkordeon, Bouzouki, Hackbrett, Tin Whistle, Akustikbassgitarre (Alexander Kreit) und Christine Zienc als Vorsängerin vorgetragen und "Der Rattenfänger" (Duivelspack) kommt als satirisches Minnelied daher. Gleich vier Vertonungen von Texten des Minnesängers Walther von der Vogelweide aus dem 12. Jahrhundert wurden von den Künstlern gewählt. Triskillian bestechen mit Nyckelharpa, böhmischer Harfe, exotischen Perkussionsinstrumenten, Jule Bauers betörendem Gesang und rockig-hypnotischem Groove bei "Wol mich der stund". Das Musiktheater Dingo brilliert mit jazzigen Improvisationen auf akustischen Instrumenten und atemberaubendem mehrstimmigen Gesang bei "Gerhard Atze", Oni Wytars interpretiert "Nieman kan mit gerten" als fernöstlich anmutende Beschwörung und Gesine Bänfer & Ian Harrison verarbeiten "Ouwe" zu einem dramatischen Mix aus Elektro und Jazz. Ähnlich verfahren Galahad mit "Bald anders", Geige, Bouzouki und Querflöte treffen auf E-Gitarre, Bass, Keyboards, Schlagzeug und Programming. Dazu kommen der althochdeutsche "Pferdesegen" in sakralem Stil von Vrouwenheide, die poppig folkige Vertonung einer Edda-Passage, "Sol", von Arundo und die "Merseburger Zaubersprüche", die In Extremo in ihrer unvergleichlichen Art gemeinsam mit den übrigen Mitwirkenden des Albums als Zusammenfassung der EP "Merseburger Zaubersprüche" beisteuern. Holger Funke schrieb und präsentiert gemeinsam mit Friederike Funke sein bretonisch anmutendes "Tribut de Cantar", das moderne Beats und Samples mit traditionellen Gesängen verbindet.
Während das Tributalbum Originalsongs von Ougenweide vorstellt, sind die "Merseburger Zaubersprüche" eine Zusammenfügung der jeweiligen Vertonungen von In Extremo und Ougenweide. Dabei sind die meisten der Interpreten, die am Tributalbum mitgewirkt haben, beteiligt. Es beginnt mit dem mystischen "Zaubersprüche", steigert sich zum inspirierten "Lichtgesang", ereifert sich in der "Flammenrede" und scheint in der "Flüsterklage" zu resignieren. Doch mit an die besten Zeiten von Pink Floyd erinnernder Energie geht es auf "Spurensuche" zum "Lösungszauber" à la In Extremo mit dem typisch sonoren Gesang und dem dramatischen Rhythmus bis zum finalen "Tanz und Spieluhr".
Mit diesen beiden Samplern hat Dr. Lothar Jahn eines der aufregendsten und interessantesten Mittelalter-Alben konzipiert. Ein absolutes Muss für Fans der Szene.
www.minnesang.com, www.emmuty.de
Adolf 'gorhand' Goriup
Born 53 "Foreign Accent"
Label:
Big Note Productions; 2010
Die aus Stockholm stammende Band Born 53 um Songwriter Anders Lindh (Gesang, Gitarren, Harmonika, Piano, Perkussion) hat mit "Foreign Accent" ihr drittes offizielles Album veröffentlicht. Neben Lindh gehören Multiinstrumentalist Hans Birkholz (Gitarren, Resonator Gitarren, Banjo, Mandolinen, Akkordeon, Ukulele, Kalimba, Piano, Gesang), Schlagzeuger Jörgen Larsson und The Bornettes, die Sängerinnen Asa Källen Lindh (Perkussion) und Karin Hagberg (Geige), dazu.
Die Musik von Born 53 erinnert ein wenig an Bob Dylan und so verwundert es auch nicht, dass sie eine tolle Coverversion von Dylans "Million Dollar Bash" eingespielt haben. Geige, Gitarren und Schlagzeug begleiten den typisch näselnden Gesang von Lindh und dazu kommen Banjo und Asa Lindhs kraftvoller Gesang. Doch auch Lindhs Originalsongs können die Inspiration von Dylan nicht verleugnen wie beim melancholischen Americana "New Day" oder beim rockigen Titelsong, der dazu einlädt sich über die Fremden vor der Tür Gedanken zu machen. Bei "I don't know (Post Cold War Blues)" lassen die Musiker den Blues rocken während Lindh bei "To deal with the Devil" den Blues mit coolem Gesang und viel Americana Sound versieht. Neben den neun Originalsongs und den drei Coverversionen hören wir auch drei Instrumentalstücke von Birkholz, von denen mich vor allem "The Loop" mit seinen genialen Rhythmuswechsel und dem tollen Gitarrenspiel beeindruckt hat.
Born 53 spielen einen modernen Americana und singen dazu aussagekräftige sozialkritisch engagierte Texte. Mich erinnern sie sehr an den großen Altvater des Songwriting, Bob Dylan, ohne ihn zu kopieren. Das Album ist ein heißer Tipp für Freunde des Genres.
www.born53.com
Adolf 'gorhand' Goriup
Solid Ground "Running up to Paradise"
Label:
FolkupMusic; 2009
Solid Ground ist eine Folk-Band aus Würzburg, die mit "Running up to Paradise" bereits ihr viertes Album aufgenommen haben. Simone Papke (Gesang, Bodhràn), Christel West (Dudelsäcke, Akkordeon, Drehleier, Flöten), Thomas Scholz (Geige, Bratsche, Mandoline), Tommi Tucker (Gitarren), Lui Emmerling (Bass) und Nobbi Papke (Schlagzeug, Cajon, Perkussion) stellen ihre selbst geschriebenen Songs, Vertonungen von Gedichten und Instrumentalstücke in beinahe 60 Spielminuten vor.
Es beginnt mit "Blackbird don't stop to sing" von Simone Papke und Thomas Scholz, das rhythmisch und mit gefälligen Harmonien schon beinahe Mainstream daherkommt. Musikalisch einwandfrei gespielt und mit Simones kräftiger schöner Stimme vorgetragen, fehlt mir hier ein wenig der musikalische Tiefgang, der nur kurz bei einem instrumentalen Zwischenspiel aufflackert. Anders sieht es bei den fünf tollen Instrumentalstücken aus. Mats Bonini gastiert an der Gitarre bei "Dr. Reeling", einem erstklassigen Mix aus Jazz, Blues und Folk; Jazzgeige, die engelklare Stimme von Simone und das erstklassige Gitarrensolo beeindrucken mich ebenso wie das kurze Schlagzeug Solo von Papke. Der Titelsong ist eine melancholisch romantische Vertonung eines W. B. Yeats Gedichts, bei dem Simone mit gefühlvollem aber kräftigen Gesang besticht, und beim traditionellen "Skye Boat Song" brillieren Emmerling mit schönem Bassspiel, West am Dudelsack, Scholz an der Violine und der fünfköpfige Gast Chor. Bei der Vertonung von Lord Byrons traurigem Liebesgedicht "When we two parted" gastiert Martina Styppa am Cello ebenso wie beim Bonustrack, eine Reprise des Titelsongs mit Urs John am Klavier.
Die Würzburger New-Folker beweisen, dass sie seit ihrem Debütalbum "First Flush" (FW#32) eine ganze Menge dazu gelernt haben. Obwohl auch der Erstling durchaus gelungen war, ist die Gruppe heute musikalisch wesentlich ausgereifter und besticht mit großartigen Instrumentalstücken und Songs aus eigener Feder.
www.solid-ground.de
Adolf 'gorhand' Goriup
Tim Sparks "Little Princess"
Label:
Tzadik Records;
2009; 10 Tracks; 49:20 min
John Zorn hat ein sehr gutes Gespür für Interpretationen. Jüdische Musik existiert für ihn
nicht zum Selbstzweck des Hütens einer langen Tradition, sondern ist Beweis eines
reichhaltigen Lebens in der Gegenwart. Einer der zahlreichen Musiker, denen er auf seinem
Tzadik-Label unter dem Banner Radical Jewish Culture ein Dach bietet ist Tim Sparks.
Dieser Musiker ist ein hervorragender Fingerstyle-Gitarrist, der sich besonders als
Sessionmusiker einen Namen machte, sich intensiv mit Jazz und Swing der 30er Jahre
beschäftigte und sich auf "Little Princess" nun auf sehr originelle Weise der Musik des
Klezmer-Klarinettisten Naftule Brandwein widmet. Dabei pendelt er zwischen andalusischen
Klangfarben und sonnigen Latinorhythmen. Tim Sparks ist ein Meister der Improvisation.
Deshalb wird er der Musik Naftule Brandweins auch tatsächlich gerecht, denn der Altmeister
der jüdischen Klarinettenmusik spielte nie nach Noten. "Little Princess" ist ein lebensfrohes,
frisches Album jüdischer Musik, das gegenwartsbezogen und traditionsbewusst zu gleich ist.
www.timsparks.com
Karsten Rube
Allan Taylor "Leaving at Dawn"
Label:
Stockfisch Records;
2009; 12 Tracks; 57:49 min
Allan Taylor gilt als feinsinniger Poet und reisender Sänger. In seiner langen Karriere hat er
manches gesehen, aber noch mehr gehört. Mit zunehmendem Alter kommt immer mehr der
Erzähler und Vermittler erfahrener Weisheiten in ihm durch. So ist "Leaving at dawn" ein
Reisebericht in dem er Lied für Lied Stationen seines Lebens beleuchtet. Und wie das bei
den großväterlichen Erzählern so üblich ist, lässt er sich Zeit. Ruhig und gefühlvoll erzählt er
von gefundenen Liebesbriefen aus vergangener Zeit, der Ruhe, die er abends sucht oder er
schwelgt in Erinnerungen, wie in "New York in the Seventies". Das alles wird von dem alten
Herrn mit sonorer Stimme und leichtem Pathos vorgetragen, dezent und mit an Wandlungen
und Überraschungen sparsam eingesetzter musikalischer Begleitung. Aber von
Troubadouren erwartet man keine Show, sondern Geschichten und davon holt Allan Taylor
zwölf sehr schöne aus seinem Reiserucksack.
www.allantaylor.com
Karsten Rube
La Mar Enfortuna "Convivencia"
Label:
Tzadik Records;
TZ7146; 2007; 10 Tracks; 50:13 min
John Zorns New Yorker Tzadik Label veröffentlicht unter der Überschrift "Radical Jewish
Culture" moderne jüdische Musik des 21. Jahrhunderts. Deren Wurzeln liegen natürlich in
der Vergangenheit und in den vielfältigen Wanderungen, denen sich das jüdische Volk seit
Jahrtausenden unterzieht. Oren Bloedow und Jennifer Charles haben sich der Kultur der
sephardischen Juden in Spanien verschrieben und mit "Convivencia" eine ungewöhnlich
atmosphärische Fusion aus jüdischer Tradition, maurischen Einflüssen, New Yorker-Club-
Grooves und avantgardistischem Jazz geschaffen. Schwermütig melancholisch schleppt sich
der Bass durch die Songs. Jennifer Charles singt kummervoll. Klarinette, Geige und
Akkordeon tun ein Übriges, um nicht in irgendeine Form von Euphorie zu stolpern.
"Convivencia" ist ein eher elegisches Album, das den Hörer in Trance versetzen kann. Und
darin liegt der Reiz dieser Musik. Sie will nicht unterhalten, sondern erfahren werden. Musik
die befremdet und bezaubert.
www.myspace.com/lamarenfortuna
Karsten Rube
Grayson Capps "Stavin' chain"
Label:
Ruf Records;
2007; 12 Tracks; 52:22 min
Grayson Capps hat sich in der Southern Blues Welt über die letzten Jahre einen Namen
gemacht, der zwar nicht extrem häufig, aber wenn dann mit wissendem Blick ausgesprochen
wird. Eine etwas größere, wenn auch immer noch exklusive Hörergruppe machte er durch
den Titelsong zu "Love song for Bobby Long" auf sich aufmerksam. Das war der Film, in dem
sich John Travolta hingebungsvoll philosophierend zu Tode säuft. Die Geschichte dazu
erdachte Vater Capps und Sohn Grayson konnte für den Soundtrack ein paar Songs
schreiben.
"Stavin chain" war das Erstlingswerk von Grayson Capps im Jahre 1999. 2007 hat
Rufrecords dieses extrem ruppige Blues-Album noch einmal aufgelegt. Und es lohnt sich in
dieses Frühwerk hinein zu hören. Es wirkt authentisch, launisch und ehrlich. "Train" ist so ein
Song, der einen vor sich her treibt und der nicht oft genug laufen kann. "Bloodshot Annie" ist
ein ungeheuer dreckiger Blues. In "El Guapo" überschreitet er musikalisch die Grenze zu
Mexiko und scherzt ein paar gute Zitate aus Santanas Frühzeiten hinein.
Ein mächtiges Bluesalbum, das sich, wie die meisten guten Alben beim ersten Hören
verweigert, beim zweiten ein anerkennendes Nicken fordert und beim dritten Mal in das
Regal mit den besseren Platten umzieht.
www.graysoncapps.com
Karsten Rube
Roberto Rodriguez "Timba Talmud"
Label:
Tzadik Records;
2009; 13 Tracks; 76:20 min
Ein weiteres Album unter dem Stern der Radical Jewish Culture. Diesmal hat sich John Zorn
ein Sextett ins Studio geladen, deren musikalische Weltsicht zu einer kubano-jüdischen
Fusion führt. Das jüdische Leben auf der Karibikinsel erwacht seit den 1990er Jahren
allmählich wieder aus dem Dornröschenschlaf. Wer mit der Musik Kubas aufwächst und
lebt, wird sich schwer tun, sein kreatives Empfinden ausschließlich in der Klezmermusik des
alten Europas wieder zugeben. Die CD "Timba Talmud" ist ein charmantes Tanzalbum
geworden, dessen Lieder zwar vordergründig lateinamerikanisch klingen, die sich aber bei
genauem Hinhören als deutlich jüdische Kompositionen entpuppen. Eine untypische, aber
witzige und überaus erfrischende Fusion. Aber bisher haben mich die ausgesucht
einfallsreichen Veröffentlichungen unter John Zorns Tzadik-Label auch noch nicht
enttäuschen können.
www.robertojuanrodriguez.com
Karsten Rube
Various Artists "Diaspora for Africa Vol.2"
Label:
Afrikool Entertainment;
2007; 28 Tracks; 59:26 + 56:34 min
Die zweite Ausgabe von "Diaspora for Africa" bietet nichts Geringeres als einmal Afrika rund
um die Welt. Die Musiker, die auf diesem Sampler vertreten sind, leben fast ausnahmslos im
Exil. Entsprechend gefärbt sind ihre musikalischen Angebote. Von tief im afrikanischen
Kontinent verwurzelten Kulturen bis zu gefälliger Popmusik lässt sich alles hören. Interessant
sind dabei besonders die Songs, denen kulturübergreifend Pop und Tradition zu verbinden
gelingt. So wechseln bezaubernde Koraklänge mit Rap, Reggae und Songwriterballaden.
Kongolesischer Gitarrenpop fetzt einem die Ohren ab. Man erfährt also auf "Diaspora for
Africa" die ganze Welt der exilierten afrikanischen Musik. Von sehnsuchtsvoller
Heimaterinnerung, Traditionsbewahrung, bis zum angepassten Popklischee. Eine
brauchbare Mischung, bei der man gelegentlich auf den schnellen Vorlauf drücken muss.
Dafür kann man an anderer Stelle aber auch mal die Wiederholungstaste betätigen.
www.afrikool.com
Karsten Rube
John Salazar "Full Moon Session"
Label:
Reenuentros Productions;
2007; 12 Tracks; 58:00 min
Der Weltenwanderer John Salazar präsentiert mit der Meditations-CD "Full Moon Session"
eine knappe Stunde Verinnerlichung. Die sanfte Verspieltheit seiner Kompositionen sorgt für
Gedankenberuhigung und weckt Träume.
Salazar ist nordamerikanischer Indianer. Vor Jahren kam er nach Europa. Doch ob Europa
oder Amerika, Salazar wandelt über die Welt, und verbindet Kulturen. So hat er für die
Einspielung dieser CD Musiker vom ganzen Globus gefunden: das Cello spielt ein Chinese,
die Geige kommt aus Tschechien, aus Südamerika stammen Gitarrenspieler und Panflöte.
Und um der Internationalität noch eins draufzusetzen. Das australische Didgeridoo spielt ein
Deutscher.
So lebt John Salazar seinen Traum eines weltumspannenden friedlichen Miteinanders in
dieser meditativen Form aus, der man sich ohne große Skepsis hingeben kann.
www.reencuetros.de
Karsten Rube
Two Dollar Bash "Lost River"
Label:
Cannery Row Records; 2008; 14 Tracks; 54:48 min
Der Spaß an Country- und Folkmusik ist kein rein amerikanischer. Europa bringt seit Jahren
gute Musiker hervor, die schon mal auf Grammyjagd gehen. Besonders Tschechien ist so
eine Country- und Folk begeisterte Ecke. Two Dollar Bash kommen nun zwar nicht aus
Tschechien, sondern fanden sich aus verschiedenen europäischen Ländern zusammen.
Tschechien spielt nur in sofern eine Rolle, als dass sich die Musiker in diesem Land zur
Produktion dieser CD einfanden. Wer einmal eine originale Folk- und Countryshow in einem
tschechischen Landklub erlebte, weiß, wie da die Post abgeht. "Lost River" atmet Landluft
ein und aus. Sie ist so Wild West wie Willie Nelson eingelegt in schottischen Whisky. Doch
"Lost River" legt sich nicht auf den Country fest, sondern wird im Laufe der Songs immer
ruppiger und rockiger. Bei "Old Man's Song" sieht man förmlich die Hüte fliegen. "Bottle of
Wine" erinnert an Cannet Head Klassiker. "Reprobate" klingt ebenfalls wie ein sehr guter
Song aus den frühen Siebzigern, ohne muffig zu wirken. Nach ihrem ziemlich langweiligen
Vorgänger-Album "On the Road" ist "Lost River" das blanke Gegenteil, eine CD, die richtig
Spaß macht.
www.twodollarbash.net
Karsten Rube
Rans & Flagel "Three Scenes of War"
Label:
Music & Words; mwcd 4061;
2009; 22 Tracks; 74:57 min
Die Welt ist bedauerlicherweise selten ohne Krieg zu haben. Über die Jahrhunderte haben
sich schlaue Köpfe überlegt, wie sie sich auf möglichst einfallsreiche Weise gegenseitig
Schaden zu fügen können. Die meisten Kriegsteilnehmer jedoch waren damit beschäftigt
diese Ideen auszuführen oder schlicht und ergreifend zu sterben. Und obwohl der Krieg das
wohl erfolgloseste Mittel für die Herstellung funktionierender menschlicher Sozialkontakte ist,
waren viele Menschen über die Jahrhunderte damit beschäftigt, sich gegenseitig
Heldengesänge über Kriegsherrlichkeiten vorzutragen. Drei Szenen aus drei Epochen
kriegerischer Weltgeschichte tragen die niederländischen Musiker Paul Rans und Claude
Flagel vor.
Der erste Teil behandelt den Spanisch-Niederländischen Krieg. Hier verwenden die Musiker
Melodien und Gedichte aus der späten Renaissance, zitieren Cyrano de Bergerac und
setzen Trommeln und Dudelsäcke auf recht kriegerische Weise ein.
Der zweite Teil hat sich im Spätbarock angesiedelt. Die kriegerischen Auseinandersetzungen
jener Zeit fanden in Europa vor allem zwischen den Niederländern, Franzosen und
Engländern statt. Es war die Zeit, nach Oliver Cromwell, als Englands Volk sich gegenseitig
wegen falscher Religionszugehörigkeit dezimierte. Eine Zeit, in der Louis als Sonnenkönig
glänzte, ein Holländer den englischen Thron bestieg und Newton die Schwerkraft erfand. Das
gemeine Volk zog dabei fröhlich in den Krieg, der aufgrund von Meinungsverschiedenheiten
zwischen königlichen Familienmitgliedern ausbrach. Trotz des Themas Krieg und Zerstörung
klingen die meisten Lieder, die hier weitgehend im Originalzustand wiedergegeben werden
sehr heroisch. Krieg und Sterben als Vaterlandspflicht und Alternative zum Leben in Armut.
Der dritte Teil nun wandelt auf den Spuren der Kriege der letzten 150 Jahre. Kriege, die
selbst Historiker heute nicht mehr glaubhaft als heroisch darstellen können, weil das Leid
und die Tragödien dieser Zeit zwischen Reichsgründung und zweier Weltkriege noch
deutlicher ist, als die Kriege Napoleons, die weit genug zurückliegen, um den kleinwüchsigen
Schwerverbrecher zum europäischen Volkshelden zu stilisieren. Ich will mir gar nicht
vorstellen, was angesichts voranschreitender Zeit die Geschichtsschreibung in 200 Jahren
aus der Deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts macht. Auf der CD von Rans & Flagel
sind es gerade die Lieder aus der jüngeren Geschichte, die deutlich schwermütiger sind und
mehr vom Erdendreck des Kriegselends besitzen, als die vorhergehenden beiden Teile
dieser insgesamt sehr eindrucksvollen und engagierten Produktion.
www.paulrans.com
Karsten Rube
Radiokijada "Nuevos Sonidos Afro Peruanos"
Label:
Wrasse Records;
2009; 11 Tracks; 48:12 min
Als Mann an den Mischmaschinen des Gotan Projects hat Christoph H. Müller einige
Erfahrungen, wenn es um die Verbindung moderner Klangtechnik mit handgemachter Musik
geht. Neben dem Gotan Project suchen deren Musiker nach weiterenKanälen, in die sie ihre
Kreativität fließen lassen können. Müller fand sich Anfang des Jahrtausends mit dem
peruanischen Komponisten Rodolfo Muñoz zusammen, um die Musik der afro-peruanischen
Kultur zu sammeln. Dass das dabei nicht bei reiner Traditionspflege bleibt, kann man sich
angesichts des musikalischen Werdegangs Müllers denken. "Radiokijada" ist eine
überraschend unangepasste Anden-CD. Weit weg von Panflötengesäusel wird hier die Musik
der Nachfahren verschleppter Sklaven und der indianischen Urbevölkerung mit strengen
Basslinien, Trompeten, Streichern und elektronischer Klangverzerrung gemischt. Heraus
kommt peruanische Weltmusik, die stellenweise nach ethnologischer Feldforschung klingt
und an anderer Stelle wiederum ordentlich groovt.
www.radiokijada.com
Karsten Rube
Mama "Crow Coyote Buffalo"
Label:
Fly Like A Sprite Records; 2008; 11 Tracks; 38:15 min
Mama nennt sich ein Duett, deren Musik irgendwo zwischen englischer Psychodelic-Mugge
und Folk mit indischem und indianischem Einfluss dümpelt. Wer eine Reise in die Hippiezeit
unternehmen will, der braucht nichts anderes. Ein passender Soundtrack ist die CD "Crow
Coyote Buffalo". Die besteht aus abwechslungsarmen Gitarrengezupfe in Begleitung von
Gesängen, die jenseits des getroffenen Tons treiben sowie Harmonien, die zu allererst
wehtun. Eine englische Kritikerin berichtete im Zusammenhang mit der Platte von erhabenen
Duett-Harmonien. Ich hatte beim Hören den Eindruck, die beiden Damen sind über
Harmonien erhaben. Dazu gehören Texte eines halbwegs talentlosen Betroffenheits-Lyrikers,
vorgetragen von nervenden schrillen Stimmen die ideenlos säuseln und wimmern. Diese
Aufnahmen packen Sarah McQuaid und Zoe Pollock in eine Recyclinghülle, drucken eine
schlecht zu erkennende ostasiatische Gottheit, ein paar ausgetretene Latschen und sich
selbst in Schlabberkleidern auf einem Feldweg ab und nennen es Weltfusion. "Crow Coyote
Buffalo" ist von der Idee bis zum Moment des Anhörens vertane Zeit. Musik, die körperlichen
Schmerz hervorruft. Einfach grauenhaft.
www.mamamusic.co.uk
Karsten Rube
Chris Garneau "El Radio"
Label:
Fargo;
2009; 13 Tracks; 47:41 min
Chris Garneau ist einer jener jungen Musiker, die vom Aussehen her an unrasierte
Jungschauspieler erinnern. Hört man ihn auf seiner CD "El Radio" erlebt man einen
hypersensiblen Musiker, dessen Songs zwischen Lethargie und Zirkus pendeln. Meist ist das
Piano tragendes Element seiner häufig mit Fistelstimme vorgetragenen Lieder. "El Radio" ist
thematisch in vier Zyklen aufgeteilt, die die Stimmungen in den vier Jahreszeiten
widerspiegeln. Sehr getragen, beinahe verheult beginnt die CD. Mit "Dirty Night Clowns" folgt
dem Opener allerdings bereits ein Song, der ganz nach Zirkusstimmung klingt. "No More
Pirates" passt dann schon wieder ins Erwachsenen-Pop-Repertoire von Radio 1. Gerade
seine pianolastigen Balladen wirken nachhaltiger, als man beim ersten Hören wahrhaben
will. Der erste Kontakt mit seiner CD "El Radio" war ermüdend. Erst in der allmählichen
Auseinandersetzung stellten sich einzelne Songs als kleine Schmuckstücke heraus, die nicht
glänzen wollen, es aber diskret tun. "El Radio" ist keine CD für jede Stimmung. Bewusstes
Anhören belohnt Chris Garneaus Musik jedoch mit ihrem ganz eigenen Charme.
www.chrisgarneau.com
Karsten Rube
Enda Kenny "Pearler"
Label:
Eigenverlag; 2007; 11 Tracks; 44:11 min
Enda Kenny stammt aus Dublin und lebt seit den späten Achtzigern in Australien. Australien
ist ohnehin ein Kontinent der meist britischen, irischen und amerikanischen Auswanderer.
Diese nehmen, wie so oft ihre Traditionen mit und leben ihr britisches, irisches und
amerikanisches Leben auf dem roten Sand des australischen Kontinents unbeirrt weiter. So
mag es nicht verwundern, dass Enda Kennys CD "Pearler" wie der abendlich entspannende
Vortrag eines schüchternen irischen Songwriters klingt. Lange Balladen über Lebensfreude
und Lebensmüdigkeit, vorgetragen mit Gitarre, Geige, Mandoline und einer gewissen
Schläfrigkeit. Ein mäßiges Album mit langen Geschichten und lyrisch versponnenen
Botschaften, die in gekürzter Fassung vermutlich um einiges interessanter wären.
www.endakenny.com.au
Karsten Rube
Mulo Francel & Evelyn Huber "Songs of Spices"
Label:
Fine Music; FM142-2; 2010; 18 Tracks; 71:36 min
Die Sinne des Menschen ergänzen sich. Fehlt einer, fehlt eine ganze Empfindungsskala und
die verbliebenen Sinne müssen den Verlust ausgleichen, so gut es geht. Irgendwo in dieser
Erkenntnis verborgen sitzt die Begründung, warum es so schwer ist, Musik mit Worten zu
beschreiben, mit dem Tastsinn zu lesen oder Gerüche in Musik umzusetzen.
Geruch und Geschmack mit musikalischen Bildern hörbar zu machen, das ist auf den ersten
Blick aussichtslos. Doch wagen sich Mulo Francel und Evelyn Huber genau an dieses
aussichtslose Unterfangen. Mit einem wirklich hörenswerten Ergebnis, wie ich finde. "Songs
of Spices" folgt den kulturellen Wurzeln von 18 Gewürzen, die zum Küchenstandard gehören
sollten. Eines davon, das Siliphon ist nur Historikern bekannt, da es im Altertum bis zur
Ausrottung verbraucht wurde. Entsprechend der Herkunft gehört dieses Gewürz mit einem
Instrument vertont, das im alten Rom und der griechischen Antike bereits die Sinne akustisch
betörte: die Lyra. Wie Siliphon schmeckte, weiß man heute nicht mehr, aber die musikalische
Entsprechung klingt nach warmen, freundlichen Landschaften, würzigen Wiesendüften und
einem Hauch von Orient.
Die Nelke, die noch weiter östlich ihrer Heimat hat, klingt chinesisch. Eine kurze Sequenz,
die an einen kühlen Lotusgarten denken lässt. Rosmarin klingt nach Glück am Mittelmeer
und die Paprika natürlich feurig. Das Salz klingt nach einem langen Verdunstungsprozess
unter einer brennenden Sonne.
Die Verbindung aus Harfe (Evelyn Huber), deren Klang schon ätherisch ist, und einem
kantigen Saxofon (Mulo Francel) bringt es mit sich, das süßes und Pikantes auf erstaunliche
Weise hörbar wird. Ergänzt wird die Gewürzsammlung akustisch durch die indische Tabla
(Prabir Mitra). Andreas Hinterseher bereichert das Ensemble mit Akkordeon und Martina
Eisenreich fügt eine dezent eingesetzte Viola hinzu.
Dass die Musik von "Songs of Spices" die Gewürze auf den Geschmacksnerven nicht
ersetzen kann ist logisch, aber sie wirkt über den Umweg durch die Ohren anregend und
geschmackvoll und verdrängt jede Idee von langweiliger gewürzarmer Schonkostküche.
www.mulofrancel.de, www.evelynhuber.com
Karsten Rube
Karim Baggili "Lea & Kash"
Label:
Homerecords;
2010; 13 Tracks; 62:13 min
"Lea & Kash" ist bereits die dritte CD des jordanisch-jugoslawischen Gitarristen Karim
Baggili. Sein Aufenthaltsort ist Belgien. Man könnte also jede Form von Musik von ihm
erwarten, so weltgewandt, wie er ist. Doch seine Liebe gilt dem andalusischen Lied, dem
Flamenco und den Rhythmen mit lateinamerikanischem Einfluss. Allerdings verlässt sich
Karim Baggili nicht allein auf seine virtuos gespielte Gitarre, sondern verwebt sie mit Flöte,
Cello, etwas Stimmakrobatik und verschiedenen Perkussionsinstrumenten. Manchmal, wie in
"Albi Badawi" ist es ein beängstigend vorwärtsjagender Rhythmus, als würde er das Gefühl
von Flucht vertonen. Dann findet er plötzlich zu einer Ruhe, die sentimentale Erinnerungen
weckt. So erweist sich "Lea & Kash" als eine kunstvoll verspielte CD, voller spannender
Songs, die im Kopf zu farbenfrohen Bildern werden. Bilder wie sie in surrealen Szenen
auftauchen. Musik, mystisch und einfallsreich, real und greifbar und doch wieder so
unglaublich wie einer jener unfassbaren Träume, aus denen man so ungern wieder erwacht.
www.karimbaggili.com
Karsten Rube
Somi "If The Rains Comes First"
Label:
ObliqSound/Soulfood;
2010; 11 Tracks; 50:28 min
Ich war ziemlich erstaunt, als ich die CD "If The Rains Comes First" der Sängerin Somi zum
ersten Mal hörte. Nicht allein davon, wie erfreulich leicht hier Jazz und Soul von einer
einschmeichelnd sanften Stimme interpretiert werden, sondern, davon, dass die CD bereits
die dritte der Künstlerin ist. Was habe ich eigentlich vorher gehört? Somi lässt sich in ihrem
Gesangsstil mit Sade vergleichen. Nur in wach. Während Sade jahrelang ihren Mythos der
ewig perfekten Sängerin pflegte, den sie dann mit einem unnötigen Comeback zerstörte,
entwickelte Somi bereits in kleinen Clubs deren Stil weiter.
Aufgewachsen ist sie in Illinois. Ihre Wurzeln sind afrikanische. Somi besitzt die
Kunstfertigkeit Soul mit afrikanischem Klang zu verweben, ohne das Pop oder Ethno die
Oberhand gewinnen. Dabei wird sie von musikalischen Größen unterstützt, wie dem
Trompeter Hugh Masekela und dem Gitarristen David Gilmour.
Jeder Song besitzt eine warme Klangfarbe. "Enganiyani", "Rising", "Hot Blue" alles Perlen
des jazzbetonten Soul. Somi's "If The Rains Comes First" tanzt man vom ersten Ton an
durch. Die CD besitzt das gefährliche Potenzial den Hörer in eine rhythmische Trance zu
versetzen, aus der er nicht mehr raus will. Ein Album, auf das ich lange gewartet habe.
www.somimusic.com
Karsten Rube
Jaya Lakshmi "Radiance"
Label:
Prudence Cosmopolitan Music;
2009; 9 Tracks; 65:18 min
Der westlich zivilisierte Mensch fährt seit einigen Jahrzehnten auf die weisen und ziemlich
relaxten Religionen Indiens ab. Kein Wunder, versprechen sie einem doch etwas, das in den
meisten Religionen fehlt - nämlich Entspannung in der Gegenwart. In einer für genervte
Westeuropäer zur Modebewegung reduzierten Variante indischer Spiritualität laufen heute
wohl fast genauso viele quacksalbernde Heilsversprecher herum, wie im Mittelalter
Ablasshändler. Insofern ist es schwierig in diesem Umfeld eine einigermaßen seriöse und
anspruchsvolle musikalische Arbeit zu leisten, die nicht innerhalb kürzester Zeit in
Dauerschleifen beim Heilpraktiker laufen, die Arbeit in Massagestuben unterstützt oder dem
Rohkostladenbesitzer die Zeit des Gemüseputzens verkürzt.
Jaya Lakshmi ist bereits seit Jahren mit Leib und Seele Stimme der spirituellen Musikszene.
Die Amerikanerin, die sich zum Hinduismus bekennt, hat mit "Radiance" eine weitere CD
produziert, die dem gewöhnlichen Trance- und Yogagruppensoundteppich musikalisch
einiges entgegenzusetzen hat. Es mag zwar auch eine völlig auf Entspannung gebogene
Musik sein, doch statt auf ermüdendes E-Orgelgejaule, setzt sie auf eine Vielzahl von
geschickt eingesetzten natürlichen Instrumenten. Flamencogitarren lassen sich ausmachen,
die keltische Flöte und ein Cello. Der Gesang von Jaya Lakshmi ist sanft und weich, wie der
Enyas. Fast schon schmelzender Schmusepop mit der für die neue spirituelle Musikszene
notwendigen Entspannungsformel: lange Songs ohne aufregendes Tempo oder verwirrender
Modulation. Tatsächlich ziemlich beruhigende Musik, außer das einem irgendwann im
siebenten Song die penetrante Beschwörungsformel für Harry Krischner ziemlich auf den
Sender geht.
www.myspace.com/jlakshmi
Karsten Rube
© The Mollis - Editors of FolkWorld; Published 07/2010
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